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Woher kommt die Angst? – Der Versuch einer Antwort.

Posted in Politik, Subjektive by imazined on 02/09/2009

In der höchst hörenswerten letzten Folge des Chaosradio Express mit Juli Zeh und Ilija Trojanow über ihr neues Buch “Angriff auf die Freiheit” stellte Juli Zeh die Frage, weshalb viele der jetzt 17- bis 18-jährigen vollkommen verängstigt wirken. Warum sie sich in dem Alter anscheinend mehr Gedanken um ihre Positionierung am Arbeitsmarkt als um Liebe / Drogen / Feiern / Selbstverwirklichung etc. machen:

Seit einigen Jahren, wenn Du mit 17- bis 18-jährigen Leuten sprichst, die reden mit Dir als wären sie irgendwie in einem Arbeitslager aufgewachsen. […] Die haben Angst, die Angst vor ihrem eigenen Leben, die haben Angst vor der Zukunft, die haben Angst vor dem, was die Medien ihnen erzählen, was ihnen die Politik erzählt. Es herrscht eine grandiose flächendeckende Verunsicherung. Die macht die Leute stumm.

(Juli Zeh@CRE135 44:30)

Im weiteren Gespräch versuchen Juli Zeh, Ilija Trojanow und der Moderator Tim Pritlove herauszufinden, wo diese Verunsicherung herkommt. Sie schneiden vieles Interessantes an, aber letzten Endes kommen sie doch wieder zu ihrem eigentlichen Thema, den massiven Einschränkungen unserer Grundrechte zurück. Aber die Frage, woher diese massive Angst kommt, der möchte ich hier nachgehen

Das interessante an meiner Biographie ist in Hinsicht auf diese Frage: ich bin 1981 geboren und habe allerdings erst 2002 mein Abitur gemacht und wirklich frei konnte ich mein Leben erst nach Ende meines Zivildienstes 2003 führen. Ich habe diesen Wandel im gesellschaftlichen Bewusstsein sehr genau mitbekommen, da ich auf der einen Seite noch ein Kind der Neunziger bin und auf Grund meiner Biographie genau in der Zeit, in der ich mich entscheiden wollte, was ich mit mir und meinem Leben mache, der Wandel einsetzte. Und diesen Wandel habe ich in Gesprächen damals mit Mitschülern und Freunden eindeutig bemerkt.

Bis ‘97 war es einfach nur flauschig. Meine erste historische Erinnerung, die ich auch verstanden habe, war der Mauerfall. Das Ende des Kalten Krieges, den ich auch erst wirklich im Nachhinein verstanden habe, als es während des Augustputsches gegen Gorbatschow einmal kurz die Angst gab, wer gerade die russischen Atomwaffen kontrolliert und was die Putschisten damit anstellen würden, war eine Selbstverständlichkeit. Deutschland wurde dann wiedervereinigt, Kohl blieb Kanzler und brabbelte weiter. Sich für deutsche Politik zu begeistern ging damals auch wahrscheinlich nicht so richtig.

Auch in den Neunzigern gab es Krisen und Probleme – Balkankrieg, Umweltverschmutzung, etc. Aber es wurde daran gearbeitet, die Vereinten Nationen waren einflussreicher denn je. China begann sich zu öffnen. Die weltweite Verbreitung von Computern bot vollkommen neue Möglichkeiten. Die Wirtschaft boomte. Mir wurde 1997 gesagt, dass wir in der Zukunft nur gute Ideen haben bräuchten und wir könnten unsere Leben führen wie wir wollten. Die Neunziger waren ein Traum. Der Westen hatte es geschafft und gesiegt. Die goldene Zukunft war nahe. Und für uns 16-jährige lag eine wunderbare Welt vor uns. Es war normal zu sagen, dass man sich erst mal ein wenig in der Welt umschauen wolle, bevor man sich festlegt. Und die Aussicht ein Leben lang einen Beruf zu haben, erschien uns eher erschreckend.

Dann kam 1998 noch die politische Erlösung durch Schröders Regierung. Es gab zwar noch die Asienkrise, aber das war nur noch ein weiteres handhabbares Problem und vor allem nicht so sehr unser westliches Problem. Die politischen Themen beschränkten sich doch weitestgehend auf Umwelt, Israel und Neonazis aus den umliegenden Dörfern.

Und 1999 ging es los. Mit dem Kosovokrieg brach ein scheinbar befriedeter  Konflikt wieder aus. Und Deutschland war dabei und das ohne UN-Beschluss. Das Bild aus “alles wird besser” und die politische Linke stehe für politischen Fortschritt, brach zusammen. Gut und Böse fingen an zu wanken. Ende 1999 sah ich ungläubig die Schlacht von Seattle im Fernsehen. Ich wusste weder genau, was die Protestler wollten, denn es waren offenkundig nicht irgendwelche Kommunistenspinner, noch verstand ich die Härte mit der um die Straße gekämpft wurde. Und der Tschetschenien-Krieg brach auch wieder aus. Man begann zu begreifen, dass Ruanda, vielleicht doch nicht so die Ausnahme war.

2000: Eines der ersten vollkommen übertriebenen Welt-Untergangs-Szenarien platzte, der Y2K-Bug und die Dotcom-Blase platzte gleich mit – im Büro wurde nicht mehr Kicker gespielt. Was niemand uns so angekündigt hatte. In der Schule sprach man davon, welche Jobs denn jetzt noch sicher wären. Die Hälfte der Leute interessierte sich plötzlich für solidere Sachen oder wollte eine Ausbildung machen. In Russland wurde der gemütliche Jelzin durch Putin abgelöst.

Und nun das angebliche Schicksals-Jahr 2001 – George W. Bush wird US-Präsident und das unter rechtlich mehr als fragwürdigen Aspekten. ZU allem Überfluss er gewinnt noch gegen Al Gore, die Hoffnung aller Umweltbewegten. Und im März waren die USA auch schon raus aus dem Klimaschutz. Im Juli wird Carlo Giulani in Genua erschossen. Proteste gegen den Finanzierungs-Kapitalismus sind schon fast im Mainstream angekommen.

9/11 – was genau sich damals verändert hat, ist wohl bis heute nicht leicht zu greifen. Aber jeder war ratlos und schockiert. Unsere Eltern, unsere Lehrer, unsere Politiker – niemand wusste weiter. Und dann kam die uneingeschränkte Solidarität. Und dann Afghanistan, noch ein Krieg. Diesmal mit Bodentruppen. Und wieder mit den Grünen, aber dafür sollte George Bush nun einer der Guten sein.

Was war noch 2001? Die USA kündigten den ABM-Vertrag und Säbbelrasseln zwischen Russland und den USA wurde wieder hörbar. Alles was jetzt noch möglich war, konnte nicht gut sein. Der alte beschützende Verbündete USA wurde unberechenbar. “24” – die Serie – startete und die Anwendung von Folter, die uns in den nächsten acht Jahren begleiten sollte, war schon im Unterhaltungsfernsehen.

Im nächsten Jahr erwischte es auch den letzten Rest der Wirtschaft und die Welt blieb in der Post-9/11-Depression stecken. Außer der Regierung Bush, die unverdrossen weitermacht, obwohl sie es geschafft hatte, sich die uneingeschränkte Solidarität quasi aller Staaten zu verspielen. 2002 wurde das eigentliche Schicksalsjahr der Welt. Es war das Jahr in dem der Westen seine Werte verlor. Im Januar wurde Guantanamo eröffnet. In Deutschland wurde nach Schläfern gesucht. Otto Schilly paukte die Antiterrorgesetze durch. In Erfurt erschoss ein junger Mann seine ehemaligen Mitschüler. Politiker schrien,dass man solchen Taten vorbeugen muss, sie befürchteten noch mehr solcher Amokläufe. Sie sollten leider recht bekommen, aber die Ursachen hatten sie dennoch nicht bekämpft. Doch es blieb der Eindruck, dass Amokläufe immer mehr zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden. Weitere Terroranschläge wie der auf Bali kamen und wurden schon fast als Alltag wahrgenommen. Man musste ja nun damit rechnen. Die Oderflut wurde als eine Auswirkung des Klimawandels gedeutet und rettete Schröder die Wahl Ende des Jahres begann das Thema des nächsten Jahres:

Das angebliche Ende unseres Sozialstaats. Das erste Hartz-Gesetz wurde verabschiedet und weitere wurden diskutiert. Während dessen ignorierte die US-Regierung die Proteste quer über die Welt und marschierte auf Grund gefälschter Beweise in den Irak ein, den sie im Handstreich nehmen konnte. Die UNO ist als internationale Kontrolle plötzlich wertlos geworden. Ansonsten war 2003 ruhig.

2004 heizte dann alles wieder an. Im März detonierten zehn Sprengsätze in Madrider Zügen. Es wurden 191 Menschen getötet. Dieser Anschlag sollte Spanien dazu bringen sich aus dem Irak-Krieg zurückzuziehen. Mit Erfolg. Und die Politiker riefen wieder nach mehr Terrorismusbekämpfung und mehr Rechten für die Fahnder. Aus dem Irak wurden unterdessen Bilder gezeigt, genauer aus dem Gefängnis Abu Ghureib. Dort hatten US-Soldaten Gefangene gefoltert und erniedrigt. Die Aufklärung inwieweit es sich dabei um Befehle gehandelt habe, dauert immer noch an. Hier in Deutschland ging es jenseits von der Hatz nach Schläfern immer noch recht beschaulich zu. Jeden Montag fanden erst kleine, dann riesige und dann wieder geschrumpfte Demonstrationen gegen die Hartz IV Gesetzgebung statt. Besonders betroffen fühlte sich der Mittelstand dessen Lebensniveau u.U. nicht mehr jahrelang vom Staat gestützt würde. Wie es dann wirklich kam, hat man damals noch nicht ansatzweise geahnt.

Das war der Zeitpunkt als ich nach Berlin zog. Ich wollte hier leben und mal was mit Film machen. Ich war noch mitten in meiner Selbstfindung und wurde dafür von ehemaligen Schulkollegen verwundert angeschaut. Ich habe doch schon ein Jahr mit meinem Germanistik-Studium verloren. Und wie ich die Lücken im Lebenslauf erklären wolle. Es war mir egal. Und es gab verdammt viel gutes, was ich zwischen ‘98 und 2004 erlebt habe. Wunderbare Sommer, erste Liebschaften, der Beweis echter Freundschaften, Konzerte, die ich nicht missen möchte. Entscheidungen, wie ich mein Leben führen sollte. Leider bilden solche Erinnerungen nicht unser kollektives Gedächtnis. Unser kollektives Gedächtnis wird aus dem gebildet, was der Typ gegenüber in der U-Bahn auch kennt, worüber wird reden könnten. Er weiß auch was Atta, Hartz IV, Opel, Steinbrück, Merkel, Papst Benedikt, George W. Bush, CIA, Libanon und all das so sind. Leider wird diese Auswahl nicht von uns als einzelnen sondern durch unser kleines mediales Fenster zur Welt vorgenommen. Und deshalb ist es im gesellschaftlichen Bewusstsein nicht angekommen, dass es seitdem der “Krieg gegen den Terror” begonnen hat, keinen erfolgreichen terroristischen Anschlag innerhalb Deutschlands gegeben hat, dass unsere Kriminalitätsraten seit Jahren sinken, dass wir das erste Mal seit ca. 20 Jahren wirklichen mitteleuropäischen Frieden haben, dass das deutsche Bruttoinlandsprodukt das viertgrößte der Welt ist. Stattdessen herrscht im gesellschaftlichen Bewusstsein ein Gefühl der ständigen Bedrohungen vor. Ob diese jetzt von Terroristen, Jugendlichen mit Migrationshintergrund, ostdeutschen Nazis, Heuschrecken-Bänkern, den von den Gewerkschaften beschworenen sozialen Unruhen, der Klima-Erwärmung, SARS, Vogel-Grippe, Schweine-Grippe oder BSE ausgehen, ist nicht so sehr die Frage. Wir haben Jugendliche, die in dem Bewusstsein aufwachsen, ihnen könnte absolute Armut drohen, sie könnten Opfer eines Terroranschlages oder eines Amoklaufes werden. Sie könnten sich zu Tode saufen oder an gepanschten Alkohol erblinden. Wie heißen all die hohlen Phrasen? Z.B. Die Schere zwischen reich und arm öffnet sich immer weiter. Mit all diesen Phrasen lassen wir eine Generation aufwachsen, deren erste historische Erinnerung nicht das Ende des Kalten Krieges sondern mit etwas Pech 9/11 ist. Und es ist niemand da, der ihnen erklärt, dass all dies kein Grund zur Angst ist, denn die Welt war schon immer unsicher und in der Vergangenheit viel unsicherer, sondern dass all dies vielmehr ein Grund zur Wut ist, die Welt ändern zu wollen.

Creative Commons License

Fotonachweise:

  1. PD auf Wikimedia
  2. CC by-sa von Steve Kaiser auf Wikimedia
  3. PD auf Wikimedia
  4. PD auf Wikimedia
  5. PD auf Wikimedia
  6. CC by von Matthew Woitunski auf Wikimedia
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